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Gerd Paulicke Explores Meditative, Human-Centered Themes

Ana Bambić Kostov ·

 

Deeply immersed in the human condition, the work of German artist Gerd

Paulicke examines both the most universal and the most personalmatters. Tackling themes of transience, wisdom, knowledge, identity and

personal experience, he embarks on an artistic odyssey through the world of sculpture and installation. The interplay of the physical and the psychological in his work creates the tension putting the observer – the

human – at the center. Engaging and meditative, his works invite the

viewer to ponder on his own life, limits, and environment.

 

 

Contemplative Self-portraits

 

Expressed through sculpture and installation, supported by experimental photography and painting, Gerd Paulicke’s body of work is filled with reflective fragments tied to humanity in the broader sense. Yet, this universal subject is often shown through figurative self-portraits in which he uses himself as an archetype, referring to the closest point of humancentered contemplation for every man, which is the self. There is nothing narcissistic in these representations, on the contrary, and the artist’s image is merely a neutral feature in the function of the work. The viewer is invited to consider the sensations the pieces emit, questioning his borders and limitations. The result is a highly inspiring physical and psychological artwork that communicates uninterruptedly.

 

 

Monochromatic World of Thought

 

Concentrated on the subject matter, Gerd Paulicke utilizes a

monochrome palette of white and grey nuances. To create the feeling of

movement the artist resorts to optical illusions and often uses the same

colors for the background and the figure, making them blend. Thus he

removes the protagonist from the foreground, making him more

challenging to detect, while optical elements, fine lines, sharp and blurry

details add to the experience.

 

 

 

Spiritual Matter

 

In recent years, Gerd Paulicke explores the state of humanity through a

series of religiously inspired works. Leaning on the subjects of crucifixion

and memento mori, he investigates the forgetfulness and transience of

existence. This temporality is emphasized in his self-portraiture, where

his face is presented either highly pixelated or covered in crackling,

deteriorating paint, alluding to the fragility of the soul.

Gerd Paulicke erkundet das Meditative und das Menschliche

Ana Bambić Kostov ·

 

Tief in die menschliche Seele eintauchend, widmet sich das Werk des deutschen Künstlers Gerd Paulicke sowohl den universellen als auch den persönlichsten Themen. In seinen Skulpturen und Installationen setzt er sich mit Vergänglichkeit, Weisheit, Wissen, Erkenntnis, Identität und seiner persönlichen Erfahrung auseinander. Das Ineinandergreifen von Physischem und Psychischem in seiner Arbeit erzeugt ein Spannungsfeld, das den Blick auf den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Mitreißend und meditativ, laden die Werke den Betrachter ein, über sein eigenes Leben, seine Grenzen und seine Umwelt nachzudenken.

 

 

Kontemplative Selbstportraits

 

In Form von Skulpturen und Installationen, ergänzt durch experimentelle Fotografie und Malerei, beschäftigt sich Gerd Paulickes Werk reflektierend und bruchstückhaft mit dem Thema Mensch. Dieses universelle Thema veranschaulicht der Künstler häufig durch figurative Selbstportraits, in denen er sich selbst als Archetyp verwendet und Bezug nimmt auf das Innerste jedes Menschen – das Selbst. Diese Abbildungen haben nichts Narzisstisches, ganz im Gegenteil, das Selbstbildnis des Künstlers ist lediglich ein neutrales Merkmal, das sich in den Dienst des Werkes stellt. Der Betrachter ist eingeladen, die dargestellten Gefühle und Empfindungen zu ergründen und seine eigenen Grenzen und Einschränkungen zu hinterfragen. So entsteht ein sehr eindringliches und kommunikatives Kunstwerk, physisch und psychologisch zugleich.

 

 

Eine monochromatische Gedankenwelt

 

Gerd Paulicke konzentriert sich auf das Wesentliche und verwendet eine monochrome Palette von Weiß- und Grautönen. Um den Eindruck von Bewegung zu erzeugen, greift der Künstler zu optischen Tricks. Er verwendet oft die gleichen Farben für den menschlichen Körper und dessen Hintergrund, wodurch beide miteinander verschmelzen. Der Protagonist entfernt sich aus dem Vordergrund, und lässt sich somit noch schwerer erfassen, während visuelle Gestaltungselemente, filigrane Linien, gestochen scharfe und verschwommene Details zum Erleben des Kunstwerks beitragen.

 

Geistige Materie

 

In einer Reihe von religiös inspirierten Werken der vergangenen Jahre beleuchtet Gerd Paulicke den aktuellen Zustand der Welt. Kreuzigung und Memento mori sind Themen in deren Zusammenhang er das menschliche Vergessen sowie die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz untersucht. Diese Zeitlichkeit betonen insbesondere seine Selbstporträts, in denen sein Gesicht entweder stark verpixelt oder mit angetrockneter, abplatzender Farbe bedeckt präsentiert wird, was zeitgleich auf die Zerbrechlichkeit der Seele anspielt.

IM FRAGESTRUDEL

Text : Frau Dr.Susanne Claussen /Katholische Kirche Wiesbaden /

Hier stehe ich ! ...Standpunkte die bewegen / 2017

 

Gerd Paulicke

 

 „Installation Tisch“, 2011, div. Materialien, 105 x 100 x 100 cm; „Stuhl“, 2009ff, div. Materialien, ca. 90 x 40 x 50 cm; „Notausgang“, 2014, Leuchtkasten / div. Materialien, 270 x 200 x 79 cm oder 42 x 33 x 12,5 cm

Gerd Paulickes Arbeiten „Installation Tisch“, „Stuhl“ und „Notausgang“ bestehen aus veränderten Alltagsgegenständen. Ein Tisch ist für eine Person gedeckt, am Besteck und an den Gläsern sieht man, dass es mehrere Gänge geben wird. Kontrastreich sind schon das doppelte weiße Tischtuch und der schäbige Stuhl. Jeglicher Etikette widerspricht die weiße Flüssigkeit in den Gläsern – es ist Milch. Und gänzlich unerwartet ist der Strudel aus weißer Flüssigkeit im Teller. Was ist das? Wodurch wird der Strudel in Gang gehalten?

Verfremdet sind auch die Stühle, die auf leuchtenden Glühbirnen stehen. Gebraucht, schmucklos, etwaiger Polster beraubt (man sieht noch ein paar Sprungfedern), leuchtet es unter jedem ihrer Beine. Wie geht das? Darf man sich da drauf setzen? Zerbrechen die Glühbirnen nicht?

Betrachtet man die Werke, kommen also zuerst Fragen nach Funktion und Technik auf. Auch „Notausgang“ lässt solche Fragen zu: Das übliche Hinweisschild für einen Notausgang hat Gerd Paulicke hier leicht verändert. Das Strichmännchen läuft nicht, sondern wiederholt die Pose des gekreuzigten Christus. Sein Kopf und seine  Hände hängen nach unten, seine Arme sind ausgebreitet, die Beine in leichter Drehung schlaff nebeneinander. Die beiden Pfeile des Hinweisschildes zeigen, wie üblich, nach oben – nur dass dies nun tatsächlich als „oben“ verstanden werden kann, und nicht als „geradeaus“. Wie geht das? Wo geht es da hin? Hängt Jesus in einem Aufzug?

Diese grundsätzliche Frage „Wie geht das?“ wird jede_r Betrachter_in auf ihre/seine Weise für sich lösen: Manche stellen sie erst gar nicht, andere werden sie als für den Bereich der Kunst irrelevant abtun, und wieder andere würden vielleicht gern unter das Tischtuch schauen. Gerd Paulicke hilft uns bei dieser Frage nämlich nicht weiter. So haben wir sogar in Zeiten scheinbar unendlicher technischer Möglichkeiten Dinge, Gegenstände vor uns, die Rätsel aufgeben. Im Wort „Gegenstand“ steckt das Wort „gegen“: Die Auseinandersetzung mit einem Ding ist anders, ist konkreter, fester, „gegenständlicher“ als mit einer Idee oder einem Bild. Paulicke ist es sehr wichtig, dreidimensional zu arbeiten. Er skizziert und zeichnet seine Werke im Planungsprozess, aber erst als räumliche Objekte entfalten sie in seinen Augen die volle Wirkung. Und ganz sicher wirkt der echte Strudel im Teller anders als ein gezeichneter. Man denkt an Meret Oppenheims Pelztasse und die Bilder von René Magritte.

Damit kommen wir zur zweiten großen Frage an die Kunstwerke: Was bedeuten sie? Gerd Paulicke ist für unterschiedliche Interpretationen seiner Werke offen. In einem Interview verrät er, dass er gerne unerkannt zuhört, wenn andere Menschen sich über seine Werke austauschen.[1] „Notausgang“ ist die Kombination von zwei relativ eindeutig konnotierten Elementen („Fluchtweg“ und „Jesus am Kreuz“). Daraus können die Betrachter zwar immer noch mehrere Botschaften herauslesen, aber nicht beliebig viele. „Stuhl“ und „Installation Tisch“ hingegen eröffnen einen sehr weiten Horizont an Deutungsmöglichkeiten.

Wir werden hier keine Deutung vorgeben. Stattdessen sehen wir die Auseinandersetzung mit Paulickes Werken als Spiegelbilder unseres Lebens. Jeden Tag könnten wir uns mit unzähligen Dingen auseinandersetzen, die wir nicht oder nur unvollkommen begreifen, und doch in unseren Handlungsspielraum einordnen müssen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es leichter ist, manche Fragen nicht zu stellen, manche Tücher nicht anzuheben und sich nicht auf jeden Stuhl zu setzen. Oft sind wir an Orten, an denen wir noch nicht mal wissen, wo der Notausgang wäre. Die Werke von Paulicke bringen uns dazu, wieder mehr zu fragen.

INTERVIEW / ART MARKET MAGAZINE

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