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Das Werk von Gerd Paulicke entfaltet sich konsequent medienübergreifend und umfasst skulpturale, installative, fotografische sowie bildnerische Positionen. Die Wahl des jeweiligen Mediums folgt dabei keiner formalen Präferenz, sondern ergibt sich aus der inhaltlichen Notwendigkeit der jeweiligen Fragestellung.
Im Zentrum seiner künstlerischen Praxis steht die Auseinandersetzung mit existenziellen und transzendenten Dimensionen menschlicher Erfahrung. Fragen nach Wahrheit, Vergänglichkeit und der inneren Struktur des Seins bilden den epistemischen Kern seiner Arbeit. Kunst erscheint hierbei nicht als Repräsentation, sondern als Erfahrungsraum, in dem Wahrnehmung, Zeitlichkeit und körperliche Präsenz in ein reflexives Spannungsverhältnis treten.
Biografisch geprägt durch seine Herkunft aus der Region Basel, sucht Paulicke wiederholt die bewusste Anbindung an kunsthistorisch bedeutende Referenzlinien dieser Kulturlandschaft. Die intensive Auseinandersetzung mit Positionen wie Hans Holbein der Jüngere, Arnold Böcklin oder Jean Tinguely hinterließ bereits früh Spuren in seinem Denken. Insbesondere die ikonografische und existenzielle Dimension des Totentanz-Motivs wirkt bis heute als wiederkehrender Resonanzraum innerhalb seines Werkes.
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Eine zentrale theoretische Bezugsebene bildet darüber hinaus das Denken von Joseph Beuys. Dessen Konzepte der Sozialen Plastik und des erweiterten Kunstbegriffs fungieren bei Paulicke jedoch nicht als programmatische Vorlage, sondern als diskursive Folie. Seine Arbeiten verstehen sich als eigenständige visuelle Transformation dieser Denkfiguren – als Versuch, gesellschaftliche, metaphysische und immaterielle Prozesse nicht abzubilden, sondern situativ erfahrbar zu machen.
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Die formale Sprache seiner Werke ist von radikaler Reduktion geprägt. Materialität fungiert dabei nicht als ästhetisches Mittel, sondern als erkenntnistragende Instanz. Oberfläche, Volumen, Leere und räumliche Setzung werden zu Trägern von Bedeutung.
Der Raum selbst tritt als aktiver Ko-Produzent der Arbeit in Erscheinung, indem er physische, mentale und kontemplative Erfahrungsebenen miteinander verschränkt.
Vor diesem Hintergrund ist auch die wiederholte Präsentation seiner Arbeiten in sakralen Kontexten zu verstehen. Diese fungieren nicht als bloße kuratorische Rahmung, sondern als konsequente Erweiterung der werkimmanenten Logik. In der Begegnung mit liturgischer Architektur und rituell codierter Zeitlichkeit entstehen Schwellenräume zwischen Immanenz und Transzendenz.
Gerd Paulicke erkundet das Meditative und das Menschliche
Ana Bambić Kostov ·
Tief in die menschliche Seele eintauchend, widmet sich das Werk des deutschen Künstlers Gerd Paulicke sowohl den universellen als auch den persönlichsten Themen. In seinen Skulpturen und Installationen setzt er sich mit Vergänglichkeit, Weisheit, Wissen, Erkenntnis, Identität und seiner persönlichen Erfahrung auseinander. Das Ineinandergreifen von Physischem und Psychischem in seiner Arbeit erzeugt ein Spannungsfeld, das den Blick auf den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Mitreißend und meditativ, laden die Werke den Betrachter ein, über sein eigenes Leben, seine Grenzen und seine Umwelt nachzudenken.
Kontemplative Selbstportraits
In Form von Skulpturen und Installationen, ergänzt durch experimentelle Fotografie und Malerei, beschäftigt sich Gerd Paulickes Werk reflektierend und bruchstückhaft mit dem Thema Mensch. Dieses universelle Thema veranschaulicht der Künstler häufig durch figurative Selbstportraits, in denen er sich selbst als Archetyp verwendet und Bezug nimmt auf das Innerste jedes Menschen – das Selbst. Diese Abbildungen haben nichts Narzisstisches, ganz im Gegenteil, das Selbstbildnis des Künstlers ist lediglich ein neutrales Merkmal, das sich in den Dienst des Werkes stellt. Der Betrachter ist eingeladen, die dargestellten Gefühle und Empfindungen zu ergründen und seine eigenen Grenzen und Einschränkungen zu hinterfragen. So entsteht ein sehr eindringliches und kommunikatives Kunstwerk, physisch und psychologisch zugleich.
Eine monochromatische Gedankenwelt
Gerd Paulicke konzentriert sich auf das Wesentliche und verwendet eine monochrome Palette von Weiß- und Grautönen. Um den Eindruck von Bewegung zu erzeugen, greift der Künstler zu optischen Tricks. Er verwendet oft die gleichen Farben für den menschlichen Körper und dessen Hintergrund, wodurch beide miteinander verschmelzen. Der Protagonist entfernt sich aus dem Vordergrund, und lässt sich somit noch schwerer erfassen, während visuelle Gestaltungselemente, filigrane Linien, gestochen scharfe und verschwommene Details zum Erleben des Kunstwerks beitragen.
Geistige Materie
In einer Reihe von religiös inspirierten Werken der vergangenen Jahre beleuchtet Gerd Paulicke den aktuellen Zustand der Welt. Kreuzigung und Memento mori sind Themen in deren Zusammenhang er das menschliche Vergessen sowie die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz untersucht. Diese Zeitlichkeit betonen insbesondere seine Selbstporträts, in denen sein Gesicht entweder stark verpixelt oder mit angetrockneter, abplatzender Farbe bedeckt präsentiert wird, was zeitgleich auf die Zerbrechlichkeit der Seele anspielt.
The work of Gerd Paulicke unfolds consistently across media, encompassing sculptural, installative, photographic, and pictorial positions. The choice of medium does not follow a formal preference; rather, it arises from the conceptual necessity of each respective inquiry.
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At the center of his artistic practice lies an engagement with the existential and transcendent dimensions of human experience. Questions of truth, transience, and the inner structure of being form the epistemic core of his work. Art appears here not as representation, but as a space of experience in which perception, temporality, and corporeal presence enter into a reflective field of tension.
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Biographically shaped by his origins in the Basel region, Paulicke repeatedly seeks a conscious connection to the art-historical reference lines of this cultural landscape. His intensive engagement with figures such as Hans Holbein the Younger, Arnold Böcklin, and Jean Tinguely left discernible traces in his thinking at an early stage. In particular, the iconographic and existential dimension of the Dance of Death motif continues to function as a recurring space of resonance within his oeuvre.
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Another central theoretical point of reference is the thinking of Joseph Beuys. However, Beuys’s concepts of Social Sculpture and the expanded notion of art do not serve Paulicke as a programmatic template, but rather as a discursive foil. His works understand themselves as independent visual transformations of these conceptual figures—an attempt not to depict social, metaphysical, and immaterial processes, but to render them situationally experienceable.
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The formal language of his works is characterized by radical reduction. Materiality does not function as an aesthetic device, but as a bearer of knowledge. Surface, volume, void, and spatial placement become carriers of meaning. Space itself emerges as an active co-producer of the work, interweaving physical, mental, and contemplative levels of experience.
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Against this background, the repeated presentation of his works in sacred contexts must also be understood. These contexts do not serve as mere curatorial framing, but as a consistent extension of the work’s inherent logic. In the encounter with liturgical architecture and ritually coded temporality, threshold spaces arise between immanence and transcendence.
​​Gerd Paulicke Explores Meditative, Human-Centered Themes
Ana Bambić Kostov ·
Deeply immersed in the human condition, the work of German artist Gerd
Paulicke examines both the most universal and the most personalmatters. Tackling themes of transience, wisdom, knowledge, identity and
personal experience, he embarks on an artistic odyssey through the world of sculpture and installation. The interplay of the physical and the psychological in his work creates the tension putting the observer – the
human – at the center. Engaging and meditative, his works invite the
viewer to ponder on his own life, limits, and environment.
Contemplative Self-portraits
Expressed through sculpture and installation, supported by experimental photography and painting, Gerd Paulicke’s body of work is filled with reflective fragments tied to humanity in the broader sense. Yet, this universal subject is often shown through figurative self-portraits in which he uses himself as an archetype, referring to the closest point of humancentered contemplation for every man, which is the self. There is nothing narcissistic in these representations, on the contrary, and the artist’s image is merely a neutral feature in the function of the work. The viewer is invited to consider the sensations the pieces emit, questioning his borders and limitations. The result is a highly inspiring physical and psychological artwork that communicates uninterruptedly.
Monochromatic World of Thought
Concentrated on the subject matter, Gerd Paulicke utilizes a
monochrome palette of white and grey nuances. To create the feeling of
movement the artist resorts to optical illusions and often uses the same
colors for the background and the figure, making them blend. Thus he
removes the protagonist from the foreground, making him more
challenging to detect, while optical elements, fine lines, sharp and blurry
details add to the experience.
Spiritual Matter
In recent years, Gerd Paulicke explores the state of humanity through a
series of religiously inspired works. Leaning on the subjects of crucifixion
and memento mori, he investigates the forgetfulness and transience of
existence. This temporality is emphasized in his self-portraiture, where
his face is presented either highly pixelated or covered in crackling,
deteriorating paint, alluding to the fragility of the soul.
IM FRAGESTRUDEL
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Text : Frau Dr.Susanne Claussen /Katholische Kirche Wiesbaden /
Hier stehe ich ! ...Standpunkte die bewegen / 2017
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Gerd Paulicke
„Installation Tisch“, 2011, div. Materialien, 105 x 100 x 100 cm; „Stuhl“, 2009ff, div. Materialien, ca. 90 x 40 x 50 cm; „Notausgang“, 2014, Leuchtkasten / div. Materialien, 270 x 200 x 79 cm oder 42 x 33 x 12,5 cm
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Gerd Paulickes Arbeiten „Installation Tisch“, „Stuhl“ und „Notausgang“ bestehen aus veränderten Alltagsgegenständen. Ein Tisch ist für eine Person gedeckt, am Besteck und an den Gläsern sieht man, dass es mehrere Gänge geben wird. Kontrastreich sind schon das doppelte weiße Tischtuch und der schäbige Stuhl. Jeglicher Etikette widerspricht die weiße Flüssigkeit in den Gläsern – es ist Milch. Und gänzlich unerwartet ist der Strudel aus weißer Flüssigkeit im Teller. Was ist das? Wodurch wird der Strudel in Gang gehalten?
Verfremdet sind auch die Stühle, die auf leuchtenden Glühbirnen stehen. Gebraucht, schmucklos, etwaiger Polster beraubt (man sieht noch ein paar Sprungfedern), leuchtet es unter jedem ihrer Beine. Wie geht das? Darf man sich da drauf setzen? Zerbrechen die Glühbirnen nicht?
Betrachtet man die Werke, kommen also zuerst Fragen nach Funktion und Technik auf. Auch „Notausgang“ lässt solche Fragen zu: Das übliche Hinweisschild für einen Notausgang hat Gerd Paulicke hier leicht verändert. Das Strichmännchen läuft nicht, sondern wiederholt die Pose des gekreuzigten Christus. Sein Kopf und seine Hände hängen nach unten, seine Arme sind ausgebreitet, die Beine in leichter Drehung schlaff nebeneinander. Die beiden Pfeile des Hinweisschildes zeigen, wie üblich, nach oben – nur dass dies nun tatsächlich als „oben“ verstanden werden kann, und nicht als „geradeaus“. Wie geht das? Wo geht es da hin? Hängt Jesus in einem Aufzug?
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Diese grundsätzliche Frage „Wie geht das?“ wird jede_r Betrachter_in auf ihre/seine Weise für sich lösen: Manche stellen sie erst gar nicht, andere werden sie als für den Bereich der Kunst irrelevant abtun, und wieder andere würden vielleicht gern unter das Tischtuch schauen. Gerd Paulicke hilft uns bei dieser Frage nämlich nicht weiter. So haben wir sogar in Zeiten scheinbar unendlicher technischer Möglichkeiten Dinge, Gegenstände vor uns, die Rätsel aufgeben. Im Wort „Gegenstand“ steckt das Wort „gegen“: Die Auseinandersetzung mit einem Ding ist anders, ist konkreter, fester, „gegenständlicher“ als mit einer Idee oder einem Bild. Paulicke ist es sehr wichtig, dreidimensional zu arbeiten. Er skizziert und zeichnet seine Werke im Planungsprozess, aber erst als räumliche Objekte entfalten sie in seinen Augen die volle Wirkung. Und ganz sicher wirkt der echte Strudel im Teller anders als ein gezeichneter. Man denkt an Meret Oppenheims Pelztasse und die Bilder von René Magritte.
Damit kommen wir zur zweiten großen Frage an die Kunstwerke: Was bedeuten sie? Gerd Paulicke ist für unterschiedliche Interpretationen seiner Werke offen. In einem Interview verrät er, dass er gerne unerkannt zuhört, wenn andere Menschen sich über seine Werke austauschen.[1] „Notausgang“ ist die Kombination von zwei relativ eindeutig konnotierten Elementen („Fluchtweg“ und „Jesus am Kreuz“). Daraus können die Betrachter zwar immer noch mehrere Botschaften herauslesen, aber nicht beliebig viele. „Stuhl“ und „Installation Tisch“ hingegen eröffnen einen sehr weiten Horizont an Deutungsmöglichkeiten.
Wir werden hier keine Deutung vorgeben. Stattdessen sehen wir die Auseinandersetzung mit Paulickes Werken als Spiegelbilder unseres Lebens. Jeden Tag könnten wir uns mit unzähligen Dingen auseinandersetzen, die wir nicht oder nur unvollkommen begreifen, und doch in unseren Handlungsspielraum einordnen müssen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es leichter ist, manche Fragen nicht zu stellen, manche Tücher nicht anzuheben und sich nicht auf jeden Stuhl zu setzen. Oft sind wir an Orten, an denen wir noch nicht mal wissen, wo der Notausgang wäre. Die Werke von Paulicke bringen uns dazu, wieder mehr zu fragen.
