KÜNSTLER GERD PAULICKE ERHÄLT EINEN FRIEDENSPREIS

 

Badische Zeitung  2018

Etwas versteckt hinter dem Haus liegt das Atelier von Gerd Paulicke. Wer den Künstler in seinen Arbeits- und Galerieräumen besucht, wird schon im Hof von der englischen Bulldogge "Pollock" begrüßt, die nach dem berühmten amerikanischen Maler benannt ist und ihrem Herrchen nicht von der Seite weicht.

Ende September ist Gerd Paulicke für seine Selbstporträt-Serie "Vergissmeinnicht" mit einem Kunstpreis ausgezeichnet worden: dem zweiten Preis des St. Leopold Friedenspreises 2018 für humanitäres Engagement in der Kunst, der vom Stift Klosterneuburg in der Nähe von Wien verliehen wird. Das Stift, das auch zeitgenössischer Kunst eine Plattform gibt, hat schon früher Arbeiten von Paulicke gezeigt. So bewarb er sich auf die Ausschreibung für den Preis und überzeugte die Jury mit seiner Serie auf Aludibond. In diesen Selbstbildnissen erscheint Paulickes Gesicht bedeckt von weiß bemaltem Ton, der beim Trocknen zerbröckelt, Risse und Sprünge aufweist. Durch Spiegelungen und Reflexionen löst sich das Gesicht immer mehr auf, bis es ganz verschwindet und nur noch lichte Farbfelder zu sehen sind. "Was von uns übrig bleibt", interessiert den Künstler in dieser Bilderfolge. Paulickes preisgekrönte Selbstporträts werden zusammen mit den weiteren nominierten und prämierten Werken bis Ende des Jahres im Galeriesaal des Stifts Klosterneuburg ausgestellt. Paulicke freut sich über diesen Anerkennungspreis, der neben Renommee auch einige Aufmerksamkeit in der Kunstszene mit sich bringt.

Vor drei Jahren hat der in Grenzach-Wyhlen aufgewachsene Künstler sein Atelier bezogen. Zuvor hat er einige Jahre in Lörrach und in Hamburg gelebt, wo er von 2005 bis 2008 an der Free International University Kunst mit Schwerpunkt Bildhauerei und Plastik studiert hat. Seine Lehrer waren Meisterschüler von Joseph Beuys, was Paulicke in seinem künstlerischen Denken stark geprägt hat. Der 49-Jährige arbeitet mit verschiedenen Medien und Materialien im Bereich figurative Plastik, Installationen, Objekte, Malerei und experimentelle Fotografie.

Zwei 1,50 Meter auf ein Meter große Bilder aus dieser Reihe "Vergissmeinnicht" und viele andere Arbeiten hat der Künstler kürzlich bei der internationalen Kunstmesse in Budapest gezeigt. Auch zwei neue Werke zum Thema "Kruzifix" hatte er dabei. Basierend auf einem alten Holzkreuz mit einer Christusfigur in Gipsguss hat Paulicke zwei skulpturale Objekte geschaffen, die das sakrale Thema Jesus am Kreuz neu interpretieren. In einer Arbeit wird die Figur wie in einem Röntgengerät durchleuchtet. Schon früher entstanden ist die eindrückliche Installation "Notausgang", die ebenfalls das Motiv der Kreuzigung thematisiert.

Auch andere seiner Arbeiten setzen sich mit dem zerbrechlichen Menschsein auseinander. In einem großen Selbstbildnis in Öl sieht das Gesicht wie verpixelt aus. Aus der Bildfläche brechen einzelne Teilchen heraus, sie liegen auf dem Boden verstreut. Auch für eine Serie von realistisch modellierten, weißen Figuren stand Paulicke selbst Modell. Die männlichen Akte tragen Totenschädel als Masken.

Seine Arbeiten, sagt er, seien auf den ersten Blick ruhig und versteckt, auch verschlüsselt in den Anspielungen. "Mit ganz wenig viel auszudrücken", das ist sein künstlerisches Ziel. Er weist auf große, weiße Gebilde aus Glasfaser hin, die aufwändig gearbeitet sind und noch lackiert werden. Es sind im Raum schwebende, dreidimensionale "Denkblasen", ähnlich wie Sprechblasen. Eine solche riesige Denkblase wurde von den Kuratoren für das grenzüberschreitende "Regionale"-Projekt 2018 ausgewählt und wird ab November im Stapflehus in Weil am Rhein zu sehen sein.

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IM FRAGESTRUDEL

Text : Frau Dr.Susanne Claussen /Katholische Kirche Wiesbaden /

Hier stehe ich ! ...Standpunkte die bewegen / 2017

 

Gerd Paulicke

 

 „Installation Tisch“, 2011, div. Materialien, 105 x 100 x 100 cm; „Stuhl“, 2009ff, div. Materialien, ca. 90 x 40 x 50 cm; „Notausgang“, 2014, Leuchtkasten / div. Materialien, 270 x 200 x 79 cm oder 42 x 33 x 12,5 cm

Gerd Paulickes Arbeiten „Installation Tisch“, „Stuhl“ und „Notausgang“ bestehen aus veränderten Alltagsgegenständen. Ein Tisch ist für eine Person gedeckt, am Besteck und an den Gläsern sieht man, dass es mehrere Gänge geben wird. Kontrastreich sind schon das doppelte weiße Tischtuch und der schäbige Stuhl. Jeglicher Etikette widerspricht die weiße Flüssigkeit in den Gläsern – es ist Milch. Und gänzlich unerwartet ist der Strudel aus weißer Flüssigkeit im Teller. Was ist das? Wodurch wird der Strudel in Gang gehalten?

Verfremdet sind auch die Stühle, die auf leuchtenden Glühbirnen stehen. Gebraucht, schmucklos, etwaiger Polster beraubt (man sieht noch ein paar Sprungfedern), leuchtet es unter jedem ihrer Beine. Wie geht das? Darf man sich da drauf setzen? Zerbrechen die Glühbirnen nicht?

Betrachtet man die Werke, kommen also zuerst Fragen nach Funktion und Technik auf. Auch „Notausgang“ lässt solche Fragen zu: Das übliche Hinweisschild für einen Notausgang hat Gerd Paulicke hier leicht verändert. Das Strichmännchen läuft nicht, sondern wiederholt die Pose des gekreuzigten Christus. Sein Kopf und seine  Hände hängen nach unten, seine Arme sind ausgebreitet, die Beine in leichter Drehung schlaff nebeneinander. Die beiden Pfeile des Hinweisschildes zeigen, wie üblich, nach oben – nur dass dies nun tatsächlich als „oben“ verstanden werden kann, und nicht als „geradeaus“. Wie geht das? Wo geht es da hin? Hängt Jesus in einem Aufzug?

Diese grundsätzliche Frage „Wie geht das?“ wird jede_r Betrachter_in auf ihre/seine Weise für sich lösen: Manche stellen sie erst gar nicht, andere werden sie als für den Bereich der Kunst irrelevant abtun, und wieder andere würden vielleicht gern unter das Tischtuch schauen. Gerd Paulicke hilft uns bei dieser Frage nämlich nicht weiter. So haben wir sogar in Zeiten scheinbar unendlicher technischer Möglichkeiten Dinge, Gegenstände vor uns, die Rätsel aufgeben. Im Wort „Gegenstand“ steckt das Wort „gegen“: Die Auseinandersetzung mit einem Ding ist anders, ist konkreter, fester, „gegenständlicher“ als mit einer Idee oder einem Bild. Paulicke ist es sehr wichtig, dreidimensional zu arbeiten. Er skizziert und zeichnet seine Werke im Planungsprozess, aber erst als räumliche Objekte entfalten sie in seinen Augen die volle Wirkung. Und ganz sicher wirkt der echte Strudel im Teller anders als ein gezeichneter. Man denkt an Meret Oppenheims Pelztasse und die Bilder von René Magritte.

Damit kommen wir zur zweiten großen Frage an die Kunstwerke: Was bedeuten sie? Gerd Paulicke ist für unterschiedliche Interpretationen seiner Werke offen. In einem Interview verrät er, dass er gerne unerkannt zuhört, wenn andere Menschen sich über seine Werke austauschen.[1] „Notausgang“ ist die Kombination von zwei relativ eindeutig konnotierten Elementen („Fluchtweg“ und „Jesus am Kreuz“). Daraus können die Betrachter zwar immer noch mehrere Botschaften herauslesen, aber nicht beliebig viele. „Stuhl“ und „Installation Tisch“ hingegen eröffnen einen sehr weiten Horizont an Deutungsmöglichkeiten.

Wir werden hier keine Deutung vorgeben. Stattdessen sehen wir die Auseinandersetzung mit Paulickes Werken als Spiegelbilder unseres Lebens. Jeden Tag könnten wir uns mit unzähligen Dingen auseinandersetzen, die wir nicht oder nur unvollkommen begreifen, und doch in unseren Handlungsspielraum einordnen müssen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es leichter ist, manche Fragen nicht zu stellen, manche Tücher nicht anzuheben und sich nicht auf jeden Stuhl zu setzen. Oft sind wir an Orten, an denen wir noch nicht mal wissen, wo der Notausgang wäre. Die Werke von Paulicke bringen uns dazu, wieder mehr zu fragen.

Die Ideen wachsen in der Aufgeräumtheit

BZ-PORTRÄT zur Ausstellung von Gerd Paulicke im neuen Atelier. 2015

 

 

GRENZACH-WYHLEN. Der Grenzacher Künstler Gerd Paulicke bereitet seine erste Ausstellung im neuen Atelier und Galerie vor. Betritt man das Atelier im Bäumleweg, so zeigt es sich hell und aufgeräumt. Dass hier gearbeitet wird, mit Holz, Metall, Farbe und vielem mehr, sieht man den Räumen nicht an. Paulicke sagt, das müsse für ihn so sein, er sei da ein bisschen pingelig. Jeden Abend räume er alles ordentlich weg und fege durch, damit er am nächsten Morgen direkt mit der Arbeit beginnen könne. Dann habe er den Kopf frei.

 

Disziplin

Paulicke glaubt, dass alle erfolgreichen Künstler diszipliniert sind. "Künstlersein", sagt er, "ist viel Arbeit." Und wie bei jeder anderen Arbeit auch, gibt es Aufgaben, die mehr und die weniger Spaß machen. Routinen, die einen langweilen, aber notwendig und effektiv sind und tolle Momente, wenn man merkt, es läuft gut. Momente, in denen der Künstler spürt, dass gelingt, was in ihm an die Oberfläche drängt und aus ihm heraus in die Umwelt will. In denen es so wird, wie er es sich vorgestellt und in seinen Skizzen und Entwürfen bis ins letzte Detail vorgeplant und überlegt hat.

 

 

Prozess im Zwischenraum

Wenn die entstandenen Werke die Betrachter in ihren Bann ziehen und eine Auseinandersetzung zwischen Betrachter und Werk entsteht, ist erreicht, was Paulicke erreichen will. Ihm geht es nicht darum, dass seine Werke als "schön" angesehen werden. Auch ist es ihm als Künstler nicht wichtig, dass er mit seinen Werken eine Botschaft an die Betrachter übermittelt. Natürlich hat er eine und erklärt seine Werke auf Nachfrage auch. Viel spannender findet er jedoch, was in den Betrachtern passiert, wenn sie beginnen, sich auf ein Werk einzulassen. Dieser individuelle Prozess fasziniert Paulicke. Er stellt oft in Berlin aus und erzählt, wie spannend er es findet, sich unerkannt zwischen den Ausstellungsbesuchern zu bewegen, Reaktionen zu sehen, Gesprächen zuzuhören und so einen Blick auf den Prozess im Zwischenraum zwischen Werk und Betrachter zu erhalten. "Ein Künstler öffnet sich mit seiner Kunst komplett, macht sozusagen einen Seelenstrip", sagt er. Da sei es unheimlich spannend, zu erleben, wie die Besucher damit umgingen.

 

Inspiration

Jeder Eindruck, jedes Erleben kann zu einer künstlerischen Idee werden. Paulicke füllt mit seinen Ideen Notizbücher. Die Ideen wachsen, werden herumgetragen, weitergedacht, detailliert gezeichnet, als kleines Modell realisiert. Manche Ideen verlieren ihre Wichtigkeit oder hatten sie vielleicht nie so richtig. Andere Ideen wachsen, reifen und werden irgendwann dreidimensional umgesetzt. Paulicke ist Plastiker. Zwar sind seine Zeichnungen und Skizzen allein auch schon ausstellungswürdig, doch ihm reicht das nicht. Er braucht die Dreidimensionalität, muss um die Dinge herum gehen können, sie einen Raum füllen und verändern lassen können. Ein Objekt wirkt einfach anders, als ein Bild von einem Objekt im Raum.

 

Die Werke

Ein nackter Mann hockt auf einer Betonstele, er blickt auf einen Monitor, auf dem ein Feuer flackert. Stühle stehen auf leuchtenden Glühbirnen. Im Suppenteller auf dem ordentlich gedeckten Tisch wirbelt ein unendlicher Strudel. Diese und weitere Werke werden in der Ausstellung zu sehen sein. Beziehung eingehende Betrachter werden vielleicht Paulickes Themen Fragmente, Erinnerungen, Vergessen und Verschwinden darin wieder finden, oder auch ganz Eigene.

 

 

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